Copy-Trading: Zwischen Highflyern und Pleitegeiern

Titel-Copytrading

Ines Blumenstein

17. Juli 2024

Ich weiß nicht, wie es dir geht, aber beinahe jedes Mal, wenn ich auf Instagram oder YouTube unterwegs bin, stolpere ich über ein paar Finfluencer, die einem das Blaue vom Himmel versprechen.

Einfach nur den Profis folgen und Traumrenditen einfahren? Klingt doch wie der Traum eines jeden Couch-Potato-Investors. Ich dachte mir das auch und stürzte mich ins Copy-Trading-Abenteuer. Spoiler: Es war eine wilde Fahrt mit einem unsanften Ende.

Copytrading: Ein Exkurs

First things first: Was ist Copy-Trading überhaupt:

Statt selbst aktiv zu traden, also Wertpapiere nach bestimmten Signalen zu kaufen und verkaufen, folgt man einfach einem erfahrenen Trader und kopiert dessen Moves. Also der Profi macht die Trades und die Gewinne, und man selbst hängt einfach dran und sahnt mit ab. Entweder, in dem man sich an den Trader koppelt oder seinen „Signalen“ folgt, also seine Trades kopiert.

Für das Ganze habe ich die Plattform „Roboforex“ genutzt. Das ist eine Art Online-Broker wie TradeRepublic, nur dass es hier noch mehr Auswahl an Anlageprodukten gibt, wie z.B. Forex-Trading, was im Namen des Anbieters steckt. Forex steht für „Foreign Exchange“ und bezeichnet den Handel mit Währungen, also man kauft und verkauft Währungspaare, um von deren Kursänderungen zu profitieren. Vermutlich war dieses Angebot die ursprüngliche Intention der Gründer der Plattform, die sich dann weiterentwickelt hat und nun auch den Handel von anderen Derivaten wie CFDs anbietet.

Jedenfalls kann man auf diesen Plattformen nicht nur Forex-Trading, sondern auch normalen Aktienhandel, CFD-Handel, (Link zum Lexikon) und vor allem Social Trading bzw. Copytrading betreiben kann.

Es gibt auch noch andere Plattformen, die ähnliche Angebote haben z.B. NAGA oder eToro – auch hier kann man sowohl Derivate handeln als auch Copytrading betreiben.

Aber ich bin bei Roboforex gelandet. Auf diese bin ich gekommen, weil ich einem Finfluencer – kurz für Finanzinfluencer – gefolgt bin, der von den Renditen geschwärmt hat und die gäbe es komplett ohne Anstrengung, keine Vorkenntnisse erforderlich und in der Vergangenheit wurden damit bis zu 1% pro Tag gemacht. Hört sich zunächst vielleicht nicht viel an, aber rechnen wir das mal hoch:

Bei einer Einzahlung von 500 EUR und einer angenommenen Steigerung von 1% pro Tag wäre das Portfolio nach 3 Monaten 1.224,34 EUR wert, da hier der Zinseszinseffekt richtig kickt. Okay, bleiben wir etwas realistischer und berücksichtigen nur die Handelstage, d.h. keine 90 Tage, sondern nur 60, (12 Wochen × 5 Handelstage pro Woche = 60 Handelstage). Auch dann kommen wir auf einen Portfoliowert von 908,35 – beinahe einer Verdopplung nach nur 3 Monaten.

Klingt fast zu gut, um wahr zu sein? Aber Gier ist eine schlechte Beraterin, wie ich später noch erfahren durfte.

Die ersten Schritte

Na dann, auf geht’s! Ich habe mir 500 EUR von meinem Konto herausgefräst, mehr sollte es nicht sein, sondern ich wollte zunächst mit ein bisschen Spielgeld reingehen. Dazu musste ich mich als erstes auf der Plattform anmelden. Das war gar nicht so einfach, denn hier muss man schon sehr genau wissen, was wo einzutragen ist und welche Option ausgewählt werden muss, von der Handelsplattform über das Kontomodell bis zum Hebel. Wie bei allen anderen Brokern muss man sich auch hier verifizieren, in dem man eine Kopie des Ausweises und ein offizielles Schreiben zur Verifizierung der Adresse hochlädt.

Zum Glück gab es hier vom genannten (F)influencer eine Anleitung, inklusive der Links, wie das ganze einzurichten ist. Die Links sind Affiliate Links, der Finfluencer bekommt Provision, wenn ich mich anmelde und Geld einzahle.

Außerdem sollte man unbedingt in die Telegramgruppe eintreten, um auch keine News zu verpassen. Zu dem Zeitpunkt war ich noch nicht mal bei Telegram und hab ich mich auch da erstmal anmelden müssen, aber was tut man nicht alles für die Rendite?

Nach dem Einrichten des Kontos muss man sich mit einem Trader verbinden, hier wurde vom besagten Influencer direkt einer empfohlen, dieser Empfehlung bin ich auch gefolgt. Na klar bin ich das, ich hatte ja von nichts eine Ahnung – brauchte ich ja auch nicht. Im Nachhinein muss ich sagen, dass ich mir schon etwas wie ein Schaf vorkam, das stumpf gemacht hat, was die Beschreibung vorgab, ohne zu erfassen, was da genau dahintersteckt.

Sicher hätte ich mich im Vorfeld besser über alles informieren können, das habe ich später erst nachgeholt. Jedenfalls war irgendwann alles eingerichtet, eingezahlt und abonniert und es konnte losgehen.

Meine tägliche Bestätigung

Von Anfang an lief es direkt sehr gut – gleich am ersten Tag gleich 16 EUR im Plus, läuft!

Roboforex sendet jeden Tag eine „Daily Confirmation“, in der detailliert aufgelistet ist, wieviel Gewinn oder Verlust jeder Trade des gesamten Tages gemacht hat.

Was genau ge- und verkauft wurde, sieht man allerdings nicht.

Neben den Daily Confirmations gibt es auch ein „Monthly Statement“, in dem noch einmal die Übersicht der Trades und des Gesamtgewinns bzw. -verlust dargestellt wird.

Hier fühlt man sich also gut informiert und seriös behandelt.

Die Trader nehmen übrigens auch 30% vom Gewinn als Aufwandsentschädigung, d.h. man kann nur 70% behalten, was aber meiner Meinung nach schon in Ordnung ist, denn eigentlich hat man nicht viel dafür getan – außer natürlich das Risiko für seinen Einsatz zu tragen. 😉

Aufgrund dieser täglichen Updates konnte ich gut mitverfolgen, wie mein Geld sich vermehrt hat oder wieviel Verlust ich an einem Tag gemacht habe. Die Bewegungen, die ich beobachten konnte, waren sehr volatil, also starken Schwankungen unterworfen. An einem Tag habe ich 20 EUR Verlust gemacht, an nächsten Tag wieder 30 EUR Gewinn. Über die Wochen haben sich die 500 EUR langsam aber sicher vermehrt und nach 3 Monaten auf knapp 750 EUR summiert, was doch schon einem Gesamtzuwachs von 50% entspricht. Und natürlich hat das schon Spaß gemacht, jeden Tag die Bestätigung bekommen, wie sehr sich mein Geld vermehrt, ans Auscashen habe ich bei dem Betrag aber noch nicht gedacht.

Die Achterbahn (nach unten)

Und nach den Monaten mit mehr Gewinn als Verlust kam plötzlich kam eine Daily Confirmation mit einem Minus von starken 455 EUR und ich dachte „Wooow, was ist denn da schiefgelaufen?“ In der Telegramgruppe gings natürlich hoch her aber der Trader beruhigte alle und meinte, das ist nur ein kleiner Rückschlag und es wird schnell wieder aufwärts gehen, da gab es nur ein Missverständnis mit dem Market Maker. Leider hat sich das nicht bewahrheitet, denn gleich am nächsten Tag zeigte die Zusammenfassung wieder ein dickes Minus, diesmal von 733 EUR – also deutlich mehr, als ich nach den Verlusten vom Vortag noch zur Verfügung hatte.

Jetzt kann man noch von Glück reden, dass es bei Roboforex keine Nachschusspflicht gibt, das heißt, dass man im Falle eines starken Verlusts noch Geld nachschießen muss – also zahlen muss, um nichts mehr zu haben. Na, was war ich froh! 😉

Das war natürlich ein herber Dämpfer und auch hier war in der Telegramgruppe der Teufel los. Der Trader musste sich wohl einiges anhören und gab ein paar sehr emotionale Nachrichten. Ich kann mir gut vorstellen, dass viele mit mehr als den 500 EUR Spielgeld drin gewesen sind und ebenfalls sehr viel Geld oder vielleicht sogar alles verloren haben.

Was ist hier passiert?

Dazu muss man ein bisschen weiter ausholen und wissen, was die Trader, denen man folgt, da eigentlich machen. Und das ist nicht einfach ein paar Währungen hin- und herschieben und arbitrieren, wie der Name der Plattform vermuten lassen würde.

Nein, was sie eigentlich tun, ist CFD-Trading. CFDs steht für „Contracts for difference“ und das sind Derivate auf Finanzprodukte, die meist mit hohem Hebel gehandelt werden, also äußerst riskant sind. Daher die hohen Gewinne – aber auch die hohen Verluste.

Und hier gibt es jede Menge red flags:

  • Diese Produkte werden gegen den Broker oder Market Maker gehandelt. Der Preis leitet sich zwar auf den Basiswert, in diesem Fall der DAX ab, aber der Trader wettet nicht gegen Markt (und damit die institutionellen Händler) sondern gegen den Market Maker. Und hier gibt es einen riesigen Interessenskonflikt: Der Market Maker ist auch der Kurssteller, also der, der den Wert festlegt, und ist nicht daran interessiert, dass du möglichst viel Gewinn machst.
  • Der Trader hat CFDs auf den DAX gehandelt, der im Vergleich mit anderen internationalen Märkten, wie z.B. USA, relativ klein ist und das Ganze auch noch mit hohem Hebel bis zu 1000.
  • Normalerweise sollte der Market Maker sich gegen dieses Risiko absichern, aber das tun sie wohl kaum. Wenn der Kurssteller diese Deals über den Markt abgesichert hätte, wäre das Handelsvolumen so hoch gewesen, dass es vermutlich sogar den Kurs des DAX beeinflusst hätte.
  • Denn der Trader war zu groß: Normalerweise handeln die privaten Anleger eher kleinere Summen, aber dadurch, dass die Popularität des Traders sich – auch aufgrund der Werbung durch Finfluencer – so weit erhöht hat, wurde immer mehr Geld eingezahlt, bis es irgendwann ca. 70 Mio. EUR waren. Und damit ist er kein „kleiner Fisch“ mehr und bekommt – zumal noch mit Hebel – nicht mehr den Marktpreis.
  • Von diesem 70 Mio. waren ca. 25 Mio. Gewinn. Diese Gewinne sind aber erstmal nicht realisiert. Und da CFDs, wie vorher erwähnt, nicht über den Markt gehandelt werden, stehen den 25 Mio. Gewinn einem ebenso hohen Verlust für jemand anderem gegenüber. Wem? Genau – dem Kurssteller aka Market Maker. Und die Frage ist, ob der überhaupt 25 Mio. hat, falls die Copytrader ihre Gewinne abziehen wollen.

Was ist nun genau passiert?

Der Trader hat eine Position eingestellt und die ist ins Minus gerutscht. Dann hat er einen Stop-Loss gesetzt, das heißt, wenn der Kurs den Wert des Stop-Loss erreicht hat, soll alles automatisch verkauft werden. Der Kurssteller hat die Position geschlossen, da der Stop-Loss (angeblich) erreicht wurde, gleich danach ist der Kurs wieder hochgeschossen, da war der Trader aber nicht mehr drin, das heißt, es gab einen dicken Verlust.

In der Telegramgruppe schrieb der Trader dann, dass er sich die Werte von anderen Kursstellern angeschaut hat und der Kurs, auf den der Stop-Loss gesetzt wurde, wurde in Wirklichkeit nie erreicht. Und er teilte den Verdacht, dass der Market Maker den Wert der Position absichtlich so weit runtergezogen hat, um ihn auszubremsen.

Das kam mir erst wie eine Ausrede vor, aber nachdem ich mich mehr informiert hatte, ist das tatsächlich höchstwahrscheinlich so gewesen. Den Kurs, bei dem der Stop-Loss ausgeführt wurde, hat wohl es nie gegeben, aber die Aktion des Market Makers ist beim CFD-Trading noch nicht mal verboten, es ist auch in den AGB (die wir natürlich immer alle lesen 😉) so festgehalten.

Tja, und so kam es, dass viele Copytrader, die erst später dazugekommen sind, jede Menge Verluste, bis zum Totalverlust hinnehmen mussten – mich eingeschlossen. Denn die 25 Mio Gewinn haben sich über einen längeren Zeitraum aufgebaut und nur die, die schon länger drin waren, konnten ein paar Gewinne mitnehmen.

Die Geschichte zeigt auch, dass man nicht unendlich Kapital von Kunden annehmen kann. Wenn das Spiel der vergangenen Monate so weiter gegangen wäre, wäre er nach ca. 5 Jahren größer als das weltweite Bruttoinlandsprodukt – es musste irgendwann krachen.

Die Hoffnung stirbt zuletzt (aber sie stirbt)

Das alles wusste ich damals nicht und wollte noch nicht aufgeben. Nach ein paar Tagen der Selbstreflexion und Motivations-Reels entschied ich mich, einem neuen Trader zu folgen. Mein neuer Auserwählter hatte einen beeindruckenden Record, seine Renditen schienen stabiler. Also, nochmal 250 EUR rein und los ging’s.

Und auch dieser Trader hatte wieder eine Telegramgruppe, der man beitreten sollte. Hier kamen zwar nicht so viele emotionale Nachrichten, aber dafür jede Menge kryptischer Beiträge über die Einzelheiten der Trades, die ich leider nicht nachvollziehen konnte.

Aber lange Rede, kurzer Sinn – auch hier kam nach anfänglichen Gewinnen wieder ein Tag mit massiven Verlusten und meine magere Investition war wieder dahin.

Was vom Copytrading übrigblieb

Damit habe ich das Kapitel Copytrading für mich abgehakt und beschlossen, wieder zu den langweiligen Anlageprodukten zurückzukehren, die vielleicht nicht innerhalb von Wochen to the moon gehen, aber immerhin verlässlicher sind.

Am Ende blieb mir vor allem immerhin der Gewinn von jeder Menge Erfahrungen. Ja, die Versprechen der Finfluencer klingen verlockend, aber die Realität ist oft eine ganz andere.

Mein Rat ist deswegen: Lass dich nicht von den Hochglanz-Videos und den schillernden Renditen blenden. Wenn etwas zu gut klingt, um wahr zu sein, ist es das vermutlich auch.

Ich bin im Übrigen auch nicht sauer auf die Trader, die die Verluste eingefahren haben. Sie müssen sich wohl von ihren Followern einiges anhören, wenn die Gewinne sich in Verluste verwandeln, aber ich meine, dass es mein Geld ist und damit auch meine Verantwortung, was ich damit mache. Und wenn ich es in Finanzprodukte investiere oder jemandem folge und nicht 100%ig verstanden habe, was derjenige eigentlich tut, dann ist es meine Schuld, wenn es in die Hose geht.

Denn da wo es hohe Renditen gibt, gibt es auch ein hohes Risiko – beides korreliert fast immer miteinander und in diesem Fall wurde das wieder eindrücklich unter Beweis gestellt.

Und auch hier stimmt wieder der Satz vom unsterblichen Andre K.

„Ich kann Ihnen nicht sagen, wie man schnell reich wird – aber ich kann Ihnen sagen, wie man schnell arm wird. Nämlich indem man versucht, schnell reich zu werden.“

In diesem Sinne – bleibt finanziell gesund und vergesst nicht: Humor ist, wenn man trotzdem lacht – auch wenn’s über den eigenen Fuck-up ist. Cheers! 🥂

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3 Kommentare

  1. Ich bin gerade zufällig auf deinen Blog gestoßen und finde diesen Artikel richtig interessant!
    Mir geht es auch so, dass ich in den sozialen Netzwerken allerlei lese und manchmal schon hin- und hergerissen bin, von den Traumrenditen anderer zu träumen. Danke, dass du uns an deinem Selbstversuch teilhaben lässt. Ich glaube, ich mache das erstmal nicht, sondern arbeite mich noch ein bisschen tiefer ins Investieren ein 😅
    Liebe Grüße,
    Doris

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  2. Ein richtig toller Artikel, Ines! Mit Copytrading habe ich mich bisher noch gar nicht beschäftigt, weil mir wichtig ist, dass ich nur in Dinge investiere, die ich wirklich auch verstehe und z.B. meinen Freundinnen nichts „nachkaufe“. Dennoch erweitert dein Artikel gerade meinen Horizont enorm, echt saucool!

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  3. Hi Ines! Mega spannender Artikel! Richtig coole Idee mit der Kapitalcouch und ich freue mich schon auf mehr Artikel von dir, bin nämlich sehr an Finanzthemen interessiert und du bringst in die Thematik einen ganz frischen Wind rein! Tut echt gut. Liebe Grüße!

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