Ach ja, die Welt der Finanzen – ein Ort, an dem man entweder reich oder richtig arm werden kann, manchmal sogar beides oder meistens irgendwas dazwischen.
Heute werfen wir einen Blick auf eine etwas verborgene Seite der Börse – und zwar Shortseller. Bevor wir jedoch tiefer in ihre Welt eintauchen, lasst uns erst einmal klären, was Shortseller überhaupt sind.
Was sind Shortseller?
Ein Shortseller ist jemand, der darauf wettet, dass der Kurs einer Aktie fällt. Einfach ausgedrückt: Shortseller sind die „dunklen Ritter“, die Profit machen, wenn es bei anderen bergab geht. Sie suchen und durchleuchten Unternehmen und analysieren diese, um Schwachstellen zu identifizieren, die den Kurs der Aktie des Unternehmens fallen lassen könnten. Dann „shorten“ sie diese Aktien und machen damit Gewinn.
Exkurs: Was ist Shorten?
Shorten bedeutet, auf fallende Kurse zu setzen, im Gegensatz zur Long-Strategie, die auf steigende Kurs setzt. Geshortet wird mittels Leerverkäufen. Wenn man „long“ gehen will, kauft man einfach die Aktie und hofft, dass der Kurs steigt. Beim „short“ gehen, ist es etwas komplizierter. Der Ablauf in einfachen Schritten ist wie folgt:
- Aktie leihen: Du leihst dir Aktien von jemandem, der sie besitzt. Meistens läuft das über einen Broker, der Aktienbesitzer merkt davon nichts – seine Aktien sind immer noch sicher in seinem Depot.
- Aktie verkaufen: Sobald du die geliehenen Aktien hast, verkaufst du sie sofort auf dem Markt zum aktuellen Preis. Stell dir vor, der Preis liegt bei 100 EUR pro Aktie.
- Warten und Hoffen: Jetzt kommt der spannende Teil: Du hoffst, dass der Preis der Aktie fällt. Aber während du wartest, musst du eine Gebühr für das Leihen der Aktien zahlen, sozusagen die Miete für dein „Leihgut“.
- Aktien zurückkaufen: Angenommen, dein Plan geht auf und der Preis fällt auf 70 EUR. Jetzt kaufst du die Aktien zurück – diesmal zum niedrigeren Preis.
- Aktien zurückgeben: Die zurückgekauften Aktien gibst du dem ursprünglichen Besitzer zurück. Die Differenz zwischen dem höheren Verkaufspreis (100 EUR) und dem niedrigeren Rückkaufpreis (70 EUR) ist dein Gewinn. In diesem Beispiel wären das 30 EUR pro Aktie, abzüglich der Leihgebühren und Transaktionskosten.
Et voilà, schon hast du eine Aktie leerverkauft.
Es ist ein ziemlich riskantes Geschäft, denn wenn der Aktienkurs nicht wie erwartet fällt, sondern steigt, musst du die Aktien zu einem höheren Preis zurückkaufen. Und das kann zu erheblichen Verlusten führen. Wenn du Pech hast, übersteigen die Verluste den Wert deines Einsatzes.
Nehmen wir an, du hast eine Aktie zu einem Preis von 100 EUR leerverkauft, in der Hoffnung, dass der Kurs fällt. Stattdessen steigt der Kurs auf 120 EUR. Dein Broker stellt dann sicher, dass du genügend Sicherheit (Margin) auf deinem Konto hast, um potenzielle Verluste abzudecken. Wenn aber dein Konto durch den Kursanstieg unter das erforderliche Marginniveau fällt, erhältst du einen sogenannten „Margin Call“. Dann musst du entweder mehr Geld einzahlen oder andere Positionen verkaufen, um dein Konto wieder aufzufüllen. Tust du das nicht rechtzeitig, verkauft der Broker deine Positionen automatisch.
Es ist ein Mechanismus, der sicherstellt, dass nicht nur du, sondern auch dein Broker, nicht mehr verlieren, als sie sich leisten können. Shortselling ist also nix für schwache Nerven!
Shortseller und ihre Arbeit
Und es gibt professionelle Shortseller, die genau das tun, um ihre Brötchen zu verdienen. Ja, es ist ziemlich riskant, aber es winken erhebliche Renditen, wenn sie mit ihren Analysen richtig liegen. Ihr Ziel ist es, überbewertete oder betrügerische Unternehmen zu entlarven, und dabei nicht nur für sich selbst Gewinne zu erzielen, sondern auch den Markt transparenter und fairer zu machen.
In gewisser Weise sind sie die Aufpasser, die sicherstellen, dass niemand ungestraft Unfug treibt oder etwas bildhafter gesprochen: Wie Geier, die das Aas ausfindig machen und beseitigen – im positivsten Sinn natürlich.
Shortseller sind nicht einfach nur Pessimisten, die auf fallende Kurse hoffen. Vielmehr sind sie wie Detektive, die tief in die Finanzbücher und Geschäftsberichte von Unternehmen eintauchen, um Unstimmigkeiten oder verdächtige Aktivitäten aufzudecken. Sie müssen sehr akribisch und datengestützt recherchieren. Sie analysieren Bilanzen, prüfen Unternehmensmeldungen, sprechen mit Insidern und nutzen auch Datenanalyse-Tools, um Schwachstellen und potenzielle Risiken zu identifizieren.
Sie brauchen Geduld und ein scharfes Auge für Details. Oft setzen sie auch auf investigative Berichte, die sie selbst in Auftrag geben oder veröffentlichen, um die Öffentlichkeit und andere Investoren auf mögliche Missstände aufmerksam zu machen. Es ist also jede Menge Wissen und Erfahrung erforderlich, um ein erfolgreicher Shortseller zu sein.
Meistens ist deren Arbeit eher unspektakulär, aber es gibt ein paar herausragende Beispiele, die es in die Presse und die Öffentlichkeit geschafft haben:
Wirecard
Als erstes ist hier Wirecard zu nennen. Der deutsche Zahlungsdienstleister, der sich damals als Superstar des DAX fühlte, war eher ein Kaiser ohne Kleider. Mehrere Jahre lang wurden Warnungen über Unregelmäßigkeiten in den Finanzen des Unternehmens ignoriert. Erst als Shortseller wie Mattew Earl …. Fraser Perring ihre Bedenken öffentlich machten, begann die Wahrheit ans Licht zu kommen. Die Kurse der Wirecard-Aktien stürzten ab, und das Unternehmen wurde schließlich als einer der größten Finanzskandale in der deutschen Geschichte entlarvt.
Adani
Ein weiteres aktuelles Beispiel ist die Adani Group aus Indien. Hindenburg Research, ein bekannter Shortseller, veröffentlichte 2023 einen vernichtenden Bericht über angebliche Finanzmanipulationen und unlautere Geschäftspraktiken des Konzerns. Die Aktie der Adani Group stürzte daraufhin ab, die Shortseller hatten ihre Freude – während die Anleger kollektiv in die Tischkante bissen.
Adani konnte sich durch sein gutes Netzwerk in der indischen Regierung erreichen, dass die Vorwürfe fallen gelassen wurden. Entkräftet wurden sie jedoch nicht.
Enron
Schon etwas länger her, aber ein mindestens ebenso spektakulärer Erfolg von Shortsellern war die Pleite des Energieriesen Enron 2001:
Der Shortseller Jim Chanos war einer der Ersten, der die faulen Tricks des Unternehmens witterte. Chanos und sein Team gruben sich tief in die Geschäftsberichte von Enron ein und entdeckten zahlreiche Ungereimtheiten, wie versteckte Schulden und komplexe Scheintransaktionen, die nur dazu dienten, die Gewinne des Unternehmens aufzublähen.
Chanos begann, seine Erkenntnisse zu veröffentlichen und setzte auf fallende Enron-Aktien. Während viele Investoren und Analysten noch geblendet von Enrons glänzender Fassade waren, hielt Chanos an der Überzeugung fest, dass das Unternehmen auf einem fundamentalen Betrug basierte. Als die Wahrheit schließlich ans Licht kam, brach Enron spektakulär zusammen und musste Insolvenz anmelden. Die Aktien, die einst bei über 90 US-Dollar gehandelt wurden, stürzten auf wenige Cents ab.
Die Enron-Pleite ist ein gutes Beispiel dafür, wie Shortseller durch akribische Recherchearbeit und ihren Mut, unbequeme Wahrheiten auszusprechen, dazu beitragen können, die Effizienz der Märke zu bewahren.
GameStop
Ein eher negatives Beispiel für Shortseller war der Hype um die GameStop Aktie Anfang 2021. GameStop ist ein Einzelhändler für Videospiele und war von vielen als ein Relikt der Vergangenheit abgeschrieben worden. Zahlreiche Shortseller, darunter auch prominente Hedgefonds, setzten auf fallende Kurse und hatten sich in großem Stil mit Leerverkäufe eingedeckt.
Im Reddit-Forum „WallStreetBets“ dann kam um den User „Roaring Kitty“ eine Armee von Kleinanlegern, die für ein beispielloses Börsenspektakel gesorgt haben.
Das brüllende Kätzchen hatte entdeckt, dass die GameStop-Aktien massiv leerverkauft waren und die motivierte die anderen User einen koordinierten Angriff zu starten, indem sie begannen, die Game-Stop-Aktien in großen Mengen zu kaufen. Der Kurs der Aktie explodierte förmlich und stieg innerhalb kürzester Zeit von unter 20 Dollar auf über 400 Dollar. Das zwang die Shortseller, ihre Positionen zu enormen Verlusten zurückzukaufen, um ihre Verluste zu begrenzen – ein Phänomen, das als „Short Squeeze“ bekannt ist.
Für viele war dies ein epischer Kampf zwischen den „kleinen Leuten“ und den mächtigen Hedgefonds, eine symbolische Rückeroberung der Finanzmärkte. Einige Hedgefonds, die auf fallende Kurse gesetzt hatten, verloren Milliarden. Die Episode zeigte eindrucksvoll, dass auch Shortseller verwundbar sind und dass die Dynamik des Marktes manchmal unvorhersehbare Wendungen nehmen kann. Am Ende des Tages bot der GameStop-Hype eine spektakuläre Demonstration der Macht von kollektivem Handeln und der Volatilität, die Shortseller erzeugen können – und was passiert, wenn das Spiel gegen sie läuft.
Vor- und Nachteile für die Wirtschaft
Ein Vorurteil gegenüber Shortsellern ist ja, dass sie „Heuschrecken“ sind, die dem Ansehen von Unternehmen absichtlich schaden wollen, um einen persönlichen Profit zu erzielen. Dieses Bild ist jedoch zu vereinfacht, wie die oben genannten Beispiele gezeigt haben.
Es gibt sicherlich einige unethische Akteure, die versuchen, Unternehmen zu zerstören, aber die Mehrheit der Shortseller ist eher darauf aus, Missstände aufzudecken und Märkte transparenter zu gestalten.
Die Frage, ob Shortseller gut oder schlecht für die Wirtschaft sind, ist nicht so leicht zu beantworten. Es gibt Argumente für beide Seiten:
Plus
- Aufdeckung von Betrug: Shortseller leisten oft wichtige investigative Arbeit. Ohne sie wäre so mancher Skandal vielleicht nie aufgedeckt worden.
- Marktkorrekturen: Sie tragen dazu bei, überbewertete Aktien abzukühlen und so eine Blase zu verhindern.
Minus:
- Marktvolatilität: Shortseller können für erhebliche Schwankungen sorgen, die den Markt instabil machen.
- Panikmache: Durch negative Berichte und Prognosen können sie Panik unter Anlegern schüren, was manchmal übertrieben oder ungerechtfertigt sein kann.
Kann ich auch Shortseller werden?
Die kurze Antwort ist: Ja, theoretisch jeder Shortseller werden.
Die lange Antwort ist: Es gibt mehrere Möglichkeiten von fallenden Kursen zu profitieren und alle erfordern ein tieferes Börsenwissen und Marktkenntnisse:
- Der „Königsweg“ ist der Leerverkauf – wie das funktioniert, wurde weiter oben schon erklärt. In Deutschland ist das bei den meisten Brokern nicht möglich, hier muss man ein Depot bei einem ausländischen Broker anlegen, z.B. bei Interactive Brokers oder CapTrader.
- Mittels Diese werden von Emittenten herausgegeben, z.B. Banken. Hier hast du die Wahl zwischen einem „Call-Optionsschein“ und einem „Put-Optionsschein“
- Ein „Call-Optionsschein“ gibt dir das Recht, eine Aktie zu einem gewissen Kurs zu kaufen, du profitierst von steigenden Kursen.
- Ein Put-Optionsschein gibt dir die Möglichkeit, eine Aktie zu einem gewissen Kurs zu verkaufen, du kannst also von fallenden Kursen profitieren. Das heißt, bei einem Put-Optionsschein hast du z.B. das Recht, eine Aktie zu einem Kurs von 100 EUR zu verkaufen. Wenn die Aktie bei z.B. 110 steht, wirst du das natürlich nicht tun, wenn die Aktie aber auf 80 EUR fällt, kannst du sie für 80 EUR am Markt kaufen und für 100 EUR an den Emittenten werden verkaufen. Damit hast du 20 EUR Gewinn gemacht. Berücksichtigt werden muss hier aber noch die Optionsprämie, also die Kosten für den Optionsschein.
- Optionen werden an Optionsbörsen, z.B. der Eurex gehandelt. Optionen kannst du nicht nur kaufen, sondern auch herausgeben. Das ist besonders interessant, denn während man beim Kauf eines Optionsscheins eine Optionsprämie bezahlen muss, kann man diese bei Herausgabe einer Option sogar kassieren. Das gibt dir mehrere Möglichkeiten:
- Eine Call-Option kaufen
- Eine Put-Option kaufen
- Eine Call-Option herausgeben
- Eine Put-Option herausgeben
Optionshandel ist aber ein sehr weites und komplexes Feld und man sollte sich tiefer in das Thema einarbeiten. Du brauchst ein sehr fundiertes Fachwissen und musst wissen, was du tust. Das ist nichts für „nebenbei“.
- Knock-Out-Zertifikate. Diese können bei bestimmten Anbietern, z.B. TradeRepublic erworben werden. Hier gibt es wieder die Möglichkeit „long“ und „short“ Zertifikate kaufen und auch noch einen Hebel hinzuzufügen.
Knock-out-Zertifikate haben einen KO-Wert, d.h. wenn der Kurs des Basiswertes unter diese Schwelle fällt, ist das Zertifikat wertlos.
Das ist ziemlich spekulativ. Bitte intensiv mit dem Produkt beschäftigen. Auch wenn das in Apps einfach scheint, das Handeln mit Derivaten ist deutlich teurer als ein einfacher Sparplan.
- Short-ETFs: Auch mit ETFs kann man von fallenden Kursen profitieren. Man erkennt sie am „Short“ oder „Inverse“ im Namen. Sie Da ETFs aber eher für die langfristige Geldanlage gedacht sind und es keinen Sinn macht, langfristig auf fallende Aktienkurse zu setzen, ist das eher nicht zu empfehlen.
Das heißt also, wenn du die Nerven, das notwendige Wissen und die richtigen Voraussetzungen hast, kannst du durchaus in die Fußstapfen der Shortseller treten. Aber sei dir bewusst, dass das Spiel genauso schnell nach hinten losgehen, wie es Gewinne einbringen kann.
Außerdem solltest du dich gründlich über die Aktien, die du shorten möchtest, informieren und dir bewusst sein, dass es sehr spekulativ ist.
Zusammenfassung
Shortseller sind eine Art „Pestdoktoren“, die kranken Unternehmen die Maske vom Gesicht reißen, damit die Anleger die wahre Fratze sehen können. Doch wie jeder Doktor, der mit drastischen Mitteln behandelt, sind sie umstritten und nicht immer willkommen. Sie können ein Katalysator für Marktveränderungen sein, aber auch für Chaos und Verunsicherung sorgen.
Die Welt der Shortseller ist sehr vielseitig und facettenreich. Sie spielen eine wichtige Rolle bei der Überwachung von Unternehmen und tragen oft zur Aufdeckung von Finanzbetrug bei. Also statt sie pauschal als „Heuschrecken“ abzustempeln, sollten wir ihre Arbeit als Teil des Systems betrachten, das dazu beitragen kann, die Integrität der Finanzmärkte zu stärken.
In einer Zeit, in der Transparenz und Verantwortlichkeit immer wichtiger werden, können Shortseller einen positiven Beitrag leisten, um Unternehmen zu einem verantwortungsbewussteren Handeln zu bewegen.
Wenn du tiefer in das Thema einsteigen willst, empfehle ich die sehr gute Arte Dokumentation mit weitere spannenden Beispielen: https://www.youtube.com/watch?v=OQs002ihFUA




Vielen Dank für diesen hilfreichen Artikel! Ich versuche mich schon länger ins Thema einzuarbeiten und scheitere öfters mal an den Begrifflichkeiten. Ich hab mir einige Notizen aus deinem Artikel in mein Journal geschrieben und verstehe jetzt den Begriff „Shortseller“ besser. Danke dir.
Herzliche Grüße, Inge
Hi Ines! Das ist echt spannend, denn mit Shortsellern kenne ich mich gar nicht aus. Ist ja mega cool, dass du in deinem Blog auch etwas unbekanntere Themen aufgreifst und erklärst. Fand ich super interessant zu lesen! :-)